~Rede, damit ich dich sehe~


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Wer hat eigentlich gesagt ...

... dass man auf Tote nicht sauer sein und nichts Schlechtes über sie sagen darf?

An wen erinnert man sich denn? An den Menschen, den man gekannt hat, oder an einen, den man ganz gern gekannt hätte ...?!

Es ist nun mal so, auch unbequeme Menschen sterben - ist doch keine Überraschung. Warum um alles in der Welt tun dann plötzlich immer ausgerechnet diejenigen, die kurz zuvor noch am lautesten über Person x geschimpft haben, plötzlich so, als sei Jesus persönlich ein weiteres Mal von uns gegangen und hätte sie selbst in unerträglicher Trauer zurückgelassen?

Klar, käme schon doof, wenn auf einer Beerdigung auf einmal "Puh ... endlich isser weg!"-Stimmen laut würden, aber übertreiben muss man es ja weder in die eine noch in die andere Richtung.

Ich glaube, fast jeder hat irgendwann mal eingetrichtert bekommen, dass man über Tote eben nun mal nicht zu schimpfen hat, kenn ich ja auch.
Angenommen, ich hätte diese Sichtweise verinnerlicht, wäre aber schon seit geraumer Zeit stinkesauer auf wen auch immer, weil er diverse Dinge tut oder sagt, die ich mit meinen Ansichten nicht vereinbaren kann - und plötzlich würde dieser Mensch sterben ... Ja was denn dann?

Dann müsste ich ja mein komplettes Innenleben verteufeln, meine wahren Empfindungen verleugnen und obendrauf hätte ich vermutlich ein tierisch schlechtes Gewissen, weil ich ja genau wüsste, dass ich im Geheimen aber immer noch sauer bin. Vielleicht sogar mehr als zuvor, weil Mensch X nun doch tatsächlich auch noch die Frechheit besessen hat zu sterben und ich nun rein theoretisch nicht mehr böse auf ihn sein düfte ... Spielverderber!

Was wäre das Resultat? Ich stünde vermutlich extrem unter Strom, wäre völlig aus dem Takt und WEHE, WEHE es käme mir einer unter, der eben NICHT so denkt wie ich, der sich diesem Dogma nicht unterwirft und unter Umständen sogar noch nicht mal in Tränen ausbricht, weil wer auch immer nun also nicht mehr ist - tja ... der sollte aber mal was erleben!

Jo - so in der Art ist es gerade hier bei uns.

Mein Schwiegervater kommt ja morgen unter die Erde und eine seiner liebsten Beschäftigungen war es, seine vier Kinder gegeneinander auszuspielen.
Waren wir bei ihm, haben wir über die anderen die übelsten Sachen erzählt bekommen, teilweise wirklich sehr Verletzendes und Gemeines.
Habe nicht zuletzt deshalb vor einigen Monaten aufgehört, regelmäßig hinzugehen, war auch jetzt, kurz vor seinem Tod, vielleicht alle 14 Tage mal da - häufiger wollte ich mir das einfach nicht anhören. Kaum ein normales Gespräch war möglich, immer nur Gelästere über den "Suffkopp", die "Fette" und all sowas. Einfach niveauloses Stammtischgerede.

Hab zu meinem Mann die ganze Zeit schon gesagt, dass ich gar nicht wissen will, was über uns so erzählt wird ... Teile davon weiß ich inzwischen und es ärgert mich nun, dass ich überhaupt noch bei meinem Schwiegervater war.
Ihm morgen "die letzte Ehre" zu erweisen fällt mir schwer, würde lieber zu Hause bleiben, das wäre das Ehrlichste.

Genau diese Ehrlichkeit, die ich normalerweise lebe, ist nun auch das Problem.

Ich kann es kaum ertragen, wie er nun beweihräuchert wird und dass ausgerechnet der Sohn, der die Wochen bevor seit Vater ins Krankenhaus kam und der sogar mit seiner Frau im Haus meines Schwiegervaters wohnt - dass ausgerechnet dieser Sohn, der seinen sterbenden Vater wochenlang kaum mit dem Arsch angeschaut hat und der seine Frau noch einen Brief hat schreiben lassen, in dem es um FINANZIELLES ging (Grundidee des Geschreibsels war: 3000€ her, oder du bist nicht mehr mein Vater und Bruder x ist nicht mehr mein Bruder) MIR kleiner Schwiegertochter nun vorwirft, ich hätte nicht genug nach seinem herzensguten Paps geschaut - das ist einfach zum Kotzen.

Manche Menschen wünschen dir "Guten Morgen" und am Besten gehst du dann erst mal ans Fenster und schaust, ob es denn auch tatsächlich schon hell ist ...

In meinem Bekanntenkreis bin ich bekannt dafür, dass ich zwar ganz gern auch mal unbequeme Dinge anspreche, aber man schätzt mich auch dafür, weil man bei mir eben weiß, dass es wohl tatsächlich hell sein muss, wenn ich "Guten Morgen" sage. 

Ich mag es auch bedeutend lieber, es sagt mir mal jemand was Kritisches, als wenn ich immer nur Puderzucker in den Hintern gepustet bekomme. Da kann ich drauf verzichten, man weiß dann eh nie, was nun die Wahrheit ist. Bei einem, der auch mal was Schlechtes sagt, da überleg ich nicht lange, dem glaub ich - ich weiß ja, er würde es sagen, wenn es anders wäre.

Dieser älteste Sohn hat glaube ich ein enormes Problem damit, dass er tief in sich drin vermutlich noch immer stinkig auf seinen Vater ist, das aber nun ja nicht mehr äußern kann (macht man ja nicht ...) und sicher hat er auch Gewissensbisse, weil auch er nicht nur "Opfer" sondern ganz gewiss auch "Täter" war.
Deshalb waren er und seine Frau die letzten Tage in der Klinik wohl auch ständig anwesend, nicht rund um die Uhr, aber täglich. Ich glaube, da wollte ein Gewissen beruhigt werden und nun kann man sich hinstellen und den heißgeliebten Vater betrauern und diejenige verteufeln, die sich auch gegen Ende seines Lebens nicht viel anders verhalten hat, als zuvor.
C'est moi, versteht sich.

Das Ganze ist irgendwie fast schon zum Lachen.
Ich habe NIE weitergetragen, was ich von seinen Kindern wusste, habe mich rausgehalten und war so ehrlich wie möglich und nun kriege ich Lügereien und Einmischereien vorgeworfen, die zu keiner Zeit stattgefunden haben.

Ich fürchte fast, man "neidet" mir die Tatsache, dass ich mit der Situation so umgehe, wie ich es nun mal tue, manch anderer das vielleicht auch gern würde, sich aber in seiner Rolle und den gesellschaftlichen Erwartungen verstrickt und gefangen fühlt. Da wird man ja am Ende noch schizo ...

Die Lösung läge meiner Meinung nach darin, einfach jedem Menschen seine guten und schlechten Anteile zuzugestehen und sich nicht selbst zu bestrafen, nur weil man eben nicht nur positiv über Mensch X denkt.

Angenommen, mein Schwager wäre in der Lage zu sagen:
Okay, du warst ein toller Papa, das, das, das und das habe ich von dir gelernt und dafür bin ich dir dankbar, aber dafür fand ich dieses und jenes echt kacke und ich muss zugeben, dass ich es auch heute noch nicht gut finden kann. In Punk x, y oder z warst du schlicht gesagt echt ne Niete, aber ich hab dich trotzdem lieb!

Tja ... dann bräuchte er nun nicht so tun, als sei der Welt ein Heiliger abhanden gekommen, in seinem Inneren gäbe es vermutlich nicht so einen großen Konflikt und mit mir müsste er auch nicht so einen Terz machen, weil ihm dann wohl klar wäre, dass es nichts Böses ist, wenn man manche Dinge an einem Menschen ablehnt, sondern einfach etwas ganz MENSCHLICHES.

Ich weiß auch, dass mein Schwiegervater gute Seiten hatte, ganz klar, aber ich will ihn nicht zu einer makellosen Wachsfigur machen, nein. Soll er nur seine Fehler behalten und bleiben, wer er war. Ein alter Mann, dem das Leben auch nicht immer nur Sonnenschein geschenkt hat. Wen wundert`s, wenn man da später vielleicht etwas kauzig wird.

Ich würde mir wünschen, man würde sich später an mein wahres Ich erinnern - und nicht nur an die "grundsanierte" Ausgabe meiner Person, die mit mir selbst rein gar nichts mehr zu tun hätte.

Wir alle haben Fehler und manchmal sind es gerade diese "Mängel", die uns dem anderen näher bringen.

Die Sterne sieht man ja auch am besten, wenn rund herum nicht allzu viel Licht ist. Manchmal braucht man das Dunkle einfach, um das Helle überhaupt erkennen zu können. Jemandem seine Dunkelheit nehmen, bedeutet für mich gleichzeitig, sein Leuchten unmöglich zu machen.

Ich lass dich leuchten.

26.5.11 16:34
 



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